Sexuelle Gewalt an Kindern und Möglichkeiten zur Prävention


Während ich diesen Artikel für Sie schreibe, steigt die Zahl der sex. Übergriffe an Kinder in Deutschland vom 1.01.08 bis zum 1.08.08 auf 153.754 "Fälle". Jährlich kommt es in Deutschland zu ca. 320.000 Übergriffen. (Quelle der Statistik: gegen-missbrauch e.V.)

Als Mutter von 3 Kindern und selbst Überlebende sex. Gewalt haben mich viele Fragen durch die Jahre hinweg begleitet und bewegt.
Warum hat mir niemand geholfen?
Warum haben alle weg geguckt?
Warum tun "die" so etwas?
Wie kann ich meine Kinder vor sex. Gewalt schützen?

Und dann aber auch:
Wie kann man die Öffentlichkeit dazu bringen nicht weg zu sehen?
Wie kann man betroffenen Kindern und Jugendlichen helfen?
Woran kann man betroffene Kinder und Jugendliche erkennen?

Im Folgenden will ich versuchen, Antworten zu geben. Antworten für all die, die nicht länger weg sehen wollen. Für die, die verstehen wollen und für die, die alles versuchen wollen, damit keines unserer Kinder jemals wieder solchen Grausamkeiten ausgesetzt sein muss. Ich verzichte bewusst auf das Wort "Schicksal". Es ist nämlich kein Schicksal! Wir können alle etwas unternehmen, damit unsere Kinder nicht zum Opfer werden. Wir sind gefordert, wenn wir unsere Kinder schützen wollen. Dürfen nicht zulassen, dass das Thema tabuisiert wird. In den öffentlichen Medien und in Publikationen wird es zwar mittlerweile thematisiert, aber die Wirkung scheint angesichts der oben genannten Zahlen nicht durchschlagend genug zu sein.

"Wer tut denn sowas?"

Mir hat man als Kind gesagt: "Geh nicht mit fremden Männern mit!" Gespielt haben wir: "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?" Die Warnung vor dem fremden, bösen Mann hat nicht verhindert, dass ich als Kind missbraucht und vergewaltigt wurde. Es war nämlich nicht der fremde Mann, sondern ein mir sehr wohl bekannter Mann, mein Großvater. Ihm hätte ich doch vertrauen sollen. Täter kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten und Berufsgruppen. Es ist gerade eben nicht so oft der fremde Mann, der sich ein Kind "sucht". Klar, auch das passiert, aber viel häufiger geschieht der Missbrauch im familiären Umfeld, im Freundes- und Bekanntenkreis. Die Warnung vor dem fremden Mann reicht also bei Weitem nicht aus, um unsere Kinder zu schützen.

Unabhängig in welcher Beziehung der Täter zu dem betroffenen Kind steht, lässt sich über die Täterpersönlichkeit vielleicht folgendes sagen:
Wirklich geistig krank sind die wenigsten Täter. Und ganz sicher gibt es den sadistischen Täter, der u.a. im Rahmen satanistischer Rituale Kinder quält. In der Regel handelt es sich bei Tätern um machtbesessenen Menschen, die Macht ausüben wollen, sich für selbsterlittene Gewalt und Verletzungen rächen wollen. Einige haben Sexualität nur im Zusammenhang mit erlittenem Missbrauch kennen gelernt. Kinder und Frauen werden vom Täter oft als männliches Eigentum betrachtet.
Die weitaus meisten "Missbrauchsfälle" finden innerhalb der Familie statt. Auffällig scheint zu sein, dass betroffenen Familien nach Außen als intakt und "normal" erscheinen wollen, obwohl sie sich stark isolieren und sich nach Außen abschirmen. Diese Familien weisen häufig eine starke Rollenzuweisung auf, obwohl es gleichzeitig oft zu einer Art Rollenverdrehung kommt und betroffenen Kinder und Jugendliche zu "kleinen Erwachsenen" werden. Auffällig werden diese vertauschten Rollen auch wenn der Missbrauch innerhalb der Familie aufgedeckt ist. Es lässt sich beobachten, dass die Mutter beim Kind Trost sucht und es ihrerseits nicht möglich ist, das Kind zu trösten.

"Woran kann man erkennen, ob ein Kind Opfer sex. Gewalt ist?"

Ein ehemals fröhliches Kind zieht sich von allem und jedem zurück. Das geschieht meistens aus Angst. Es hat vielleicht Angst, gefragt zu werden. Es darf ja nicht antworten. Nachdem der Täter gedroht hat, irgendetwas Schlimmes zu tun, wenn das Kind etwas von dem Missbrauch erzählt. Das Kind fängt an, sich selbst zu vernachlässigen. Verzichtet vielleicht auf hübsche Bekleidung, weil es "gelernt" hat, hübsch sein, Frau sein bringt Gefahr. Ältere Kindern entwickeln eventuell eine Essstörung - Magersucht, oder aber auch Fresssucht. Es versucht sich zu "verdünnisieren" oder frisst sich einen "Schutzpanzer" an, um sich so vor Übergriffen zu schützen. Ungewöhnliche Verschlossenheit, Schlafstörungen, schulischer Leistungsabfall und Angst vor bestimmten Menschen können Anzeichen für einen vorliegenden Missbrauch sein. Äußere Anzeichen sind selbstverletzende Verhaltensweisen wie z.B. das Schneiden, werden häufig bei älteren betroffenen Kindern festgestellt. Aber auch bei sehr kleinen Kindern können diese Auswirkungen vorhanden sein. Meinen ersten Selbstmordversuch unternahm ich im Alter von 5 Jahren, gefolgt von dem zweiten mit 8 Jahren.

"Welche Folgen hat der sex. Missbrauch für ein Kind?"

Jedes Kind reagiert anders auf den Missbrauch, verarbeitet das Erlebte anders. Wie das Kind die sex. Gewalt überlebt ist von vielen Faktoren abhängig. Sicher ist nur eines: Die Folgen sind immer schwerwiegend und bleiben lebenslang bestehen. Wenn das Kind niemanden hat, dem es sich anvertrauen kann und nicht sofort therapeutisch betreut wird, sind lebenslange Schwierigkeiten und psychosomatische Erkrankungen die Folge. Viele überlebende Frauen und Männer erleben sich noch Jahrzehnte nach dem Missbrauch als "lebensunfähig". Betroffene leiden unter Panikanfällen, Schlafstörungen, Depressionen, chronischen Schmerzen, und nicht selten geraten viele in Abhängigkeit von Drogen und Alkohol usw. Autoaggressives Verhalten zählt ebenfalls zu den Spätfolgen. Erlebt das sehr junge Kind (ca.bis zum 5. Lebensjahr) extreme sex. Gewalt kann es unter der Gewalt zu einer Persönlichkeitsspaltung kommen.

"Wie kann ich verhindern, dass meinem Kind (und natürlich auch jedem anderen Kind) das passiert?"

In den Schulen wird zum Teil eine hervorragende Präventionsarbeit geleistet, aber das reicht weder aus, noch dürfen wir uns darauf als alleinige und beste Art der Prävention verlassen. Es gibt einen schönen Spruch: "Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf!" Ich gehe so weit zu sagen: Um ein Kind zu schützen, braucht es ein gesundes Umfeld! Nur starke Kinder sind geschützte Kinder. Unsere Kinder müssen lernen, NEIN sagen zu dürfen. Auch gegenüber Erwachsenen, denen sie ja eigentlich Respekt erweisen sollen. Respekt ja, aber nicht um jeden Preis. Sagen Sie ihrem Kind, dass es auch "frech" sein darf, wenn jemand etwas von ihm will, was es selbst nicht will. Dafür muss Ihr Kind früh lernen, dass es selber über seinen Körper entscheiden darf. Sagen Sie ihrem Kind, dass Erwachsene die Kinder auch respektieren müssen und seien Sie Vorbild! Wenn ihr Kind Tante oder Oma zur Begrüßung nicht küssen mag, dann akzeptieren Sie das! Ihr Kind soll lernen, NEIN zu sagen. Ihr Kind hat ein Recht auf seinen Empfindungen, auch wenn wir es uns manchmal anders wünschen würden. Wenn ihr Kind so ein "komisches Gefühl" hat, mag es für Sie komisch sein, aber es ist ein Gefühl. Nehmen Sie das ernst! Das Kind lernt so, seinen eigenen Gefühlen zu vertrauen. Dadurch kann ein Kind in schwierigen Situationen schneller reagieren, weil es sich traut und nicht lange zweifeln muss. Reden Sie viel mit ihrem Kind. Nicht nur altersgerechte Aufklärung, sondern lernen Sie ihr Kind kennen. Nehmen Sie die Persönlichkeit und die Gefühle ihres Kindes ernst. Nur wenn ihr Kind in einer vertrauensvollen Atmosphäre heranwächst, wird es in oder nach schwierigen Situationen sich auch an sie wenden. Schreien muss gelernt sein!
Wir haben mit unseren Kindern so machen gemütlich Sonntag verbracht. Die Kinder hatten viel Spaß, weil sie schreien durften "was das Zeug hält". Sogar Schimpfwörter waren in diesem Zusammenhang erlaubt. Positiver Nebeneffekt: Unsere Kinder (heute 23, 19 und 18 Jahre alt) brauchten nie während ihrer Schulzeit körperliche Gewalt zu ihrem Schutz gegen Gleichaltrige anwenden. Sie hatten Autorität durch ihre Sprachfähigkeiten. Darüber hinaus haben wir ihnen immer wieder gesagt, dass sie Feuer rufen sollen, wenn ihnen was passiert und nicht Hilfe. Seien wir doch mal ehrlich. Wer dreht sich denn heute noch um, wenn jemand Hilfe ruft. Bei Feuer schon, da dreht sich jeder um. Sorgen Sie dafür, dass sich ihr Kind im Einzugsbereich sicher und selbstständig bewegt. Lassen Sie z.B. ihr Kind beim Kaufmann bezahlen. Sollte es im direkten nachbarschaftlich Umfeld zu einer schwierigen Situation kommen, kann sich ihr Kind in einen ihm bekannten Laden flüchten und wird dort Hilfe finden. Wir wollen keine ängstlichen Kinder, aber die Kinder müssen Gefahren erkennen und stark und selbstbewusst reagieren können. Darüber hinaus gibt es weitere, sehr gute Möglichkeiten wie Selbstverteidigungskurse für Kinder.
Doch ohne die liebevolle, stärkende Zuwendung innerhalb der Familie wird es nicht gehen.

Ich leide noch heute unter den Folgen sex. Gewalt während meiner Kindheit. Ich hatte niemanden, der mich geschützt hätte. Und ich kenne viele Frauen und Männer, denen es ebenso geht. Viele setzen sich heute mit aller Kraft für die Überlebenden sex. Gewalt ein, oder gehen mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit, um aufzurütteln und Kinder vor dieser so fürchterlich tödlichen Gewalt zu schützen. Die Seele stirbt immer!

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Verfasser: Lina









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